Feuilleton

Z W I L L I N G  -  J U N I

Juni - das ist der Monat des Merkurs. Der dritte Monat vom Zodiak. Bei alten Völkern, in ihrer alten Welt, war Merkur der Gottesbote, in ewiger Bewegung und ewiger Vermittlung zwischen „ jenen“ und den hiesigen. Ohne ihn hätten die Hiesigen nie erfahren, was „Jene“ denken. Zeus hat sich ja nicht jedem offenbart. Als Danae, zum Beispiel, hat er sich gezeigt. Heissen Sie nicht zufällig Danae? Ich auch nicht. Somit ist es sehr unwahrscheinlich, dass Zeus uns erscheinen wird. Später ist er der Europa erschienen, als sie sorglos ihre Blümchen auf einer Wiese pflückte. Was daraus geworden ist, wissen wir. Ihre Aufpasserinnen und Dienstmädchen haben auf der Stelle versagt. Doch, wenn kein Mensch ihn je sah, wie konnten die Menschen etwas von seinem Willen und von der darauf folgenden Bestrafung für das Nicht-Gehorchen erfahren? „Das Unwissen befreit nicht von der Verantwortung!“ - diesem gesetzlichen Grundsatz gelang es, vermutlich,  dem Zeus noch herunter zu donnern, bevor die Menschen seinen Olymp vergessen haben. Bei diesem Satz sollte man sich fest anhalten! Wie viele Ohne-Schuld-Schuldigen hat er geboren? Doch wo keine Information zur Verfügung steht, versagt auch das verspätete „Nachher-Drüber-Nachdenken“.


    Ich hab eines Tages einen lieben Menschen kennengelernt. Seine Ehefrau hatte ihn nach fünfzehn Jahren Ehe verlassen, ohne ein Wort als Erklärung zu sagen. Sie hatte einfach ihre Sachen gepackt und sich schweigend aus seinem Leben entfernt. Zum Zeitpunkt unserer Bekanntschaft waren seit jenem Tag schon zwei Jahre verstrichen. Er hatte einen Schüttelfrost. Er hatte zwei verdammte Jahre einen ständigen Schüttelfrost! Er bestand nur mehr aus Knochen und Haut, mit fast verrückten, die einzige Frage schreienden Augen: „Warum?!“ Man sagt: „Das Schweigen ist das am schwierigsten widerlegbare Argument“ Tun Sie so etwas nie jemanden an! In Wirklichkeit, ist die Sache noch viel einfacher, als das Gesetz der Humanität verlauten würde. Stellen Sie sich eine einfach die Frage: „Würde ich es wollen, dass mir jemand so etwas antut?“ Wenn die Antwort „nein“ ist, dann unterlassen Sie was immer Sie machen wollten. Doch wo es Menschen gibt, dort „menschelt’s“. Deshalb Gott sei Dank, dass man in solchen Fällen normalerweise jemanden Dritten anrufen und fragen kann: „Geh, weißt du zufällig, was da geschah?!“
    Also ohne Merkur wären wir alle verloren, sag ich euch!


    Menschen, die im Juni geboren wurden, nennt man Zwillinge. Sie sind ewig jung, ewig in Bewegung und aufrichtig neugierig. Sie vermitteln die Atmosphäre der Leichtigkeit - sind immer bereit zum Aufbruch, und denken leicht und ungezwungen. Doch warum ZwillingE? „Im Zodiak ist doch jeder für sich selbst alleine“,- denken Sie. - „Wieso sind diese zu zweit? Und wo ist der Zweite?“ ... Haben Sie gar keine Ahnung?
    Im Kopf!
    Sie sind wohl kein Zwilling, doch nicht einmal Sie schaffen es, das Gedankenspiel in Ihrem Kopf zu beruhigen - es denkt was er will und gibt keine Ruhe.  Und jetzt stellen Sie sich vor, dass es dort, im Kopf, zwei gibt, die denken. Sie diskutieren dort ständig und können zu keinem Schluss kommen. Sobald einer fertig ist, liefert der andere ein Argument dagegen. Und schon geht es von vorne los. Dabei ist es ihnen gleich, vorüber es geht. Eines Tages bin ich mit Bus gefahren, wo ein Vater mit dem dreijährigen Sohn auf seinem Schoss vor mir saß. Der Sohn schaute ins Fenster und zeigte mit seinem Finger mal auf das, mal auf jenes. „Papa, was ist das?“, „Papa, warum ist es so?“, „Papa, warum?“, warum?, warum?... Bald ist mir schwindlig geworden. Doch der Vater, ohne ein Zeichen der Ungeduld von sich zu geben, beantwortete dem Kind ganz ruhig die unendliche Flut seiner Fragen. Das war eine „merkurianische“ Familie.
    Es gibt ein russisches Sprichwort: „Fahre ich durch den Wald - singe ich für den Wald, fahre ich durchs Feld - schreie ich einfach so los“. Das hat sich, wahrscheinlich, ein Zwilling einfallen lassen. Übrigens, diese Gleichgültigkeit hat etwas positives an sich - Zwillinge urteilen nicht. Urteilen heißt, zu einem Konsensus, einer eindeutigen Meinung zu kommen. Doch genau das ist ein Ding der Unmöglichkeit! Die Zwillinge haben ständig zumindest zwei Meinungen parat. Alsbald diese ausdiskutiert sind, entsteht eine Dritte usw.
    Es gibt zum Beispiel folgende Folter: Ein Mensch wird in eine weiße Zelle eingesperrt: weiße Wände, weiße Decke und ein eben solcher Boden. Das Ganze ist mit einem weichen Stoff überzogen, weil auch ein ganz gesunder Mensch in zwei Tagen anfängt, seinen Schädel gegen diese weißen Wände zu schlagen. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass wir ohne Information viel schneller sterben, als ohne Wasser. Ein Zwilling würde in solch einer Zelle schon in zwei Stunden sterben. Das ist eine Hypothese, selbstverständlich. Sie können sie überprüfen, wenn Sie wollen.
    Welche Bestrafung wäre für einen Widder am schrecklichsten?
    Ihn mit einem Bein wo anzubinden, und nichts tun und nirgends gehen lassen.
    Und für ein Zwilling?
    Ihm den Mund zuzukleben.
„Wieso? - fragen Sie sich jetzt, oder? Er hat doch Zwei in seinem Kopf, somit kann es ihm nie fad werden!“ So! Sie haben den Dritten vergessen! Man braucht immer einen Dritten! Diese Zwei drinnen gehen sich mit der Zeit so am Keks, dass sie dringend einen Dritten im Aussen brauchen, an den sie das ganze Angesammelte rauslassen können. Am besten wäre es, das auf einen Wassermann auszulassen - er würde sich nämlich in ein paar Minuten automatisch abschalten und in seine virtuelle Welt entschwinden. So würde keiner den anderen stören. „Ich hab aber nie solche Typen gesehen, denken Sie sich wohl. Die Zwillinge sind auch Menschen und müssen im sozialen Umfeld leben“. Richtig. Sie haben sich einfach angepasst. Jeder Zwilling hat ein Handy, einen Fernseher, Internet, Skype, eine Zeitung und ein paar angefangene Krimis. Er kann sich parallel die Nachrichten im Radio anhören, am Handy plaudern, Seiten im Internet blättern und Fernschauen. Haben Sie schon verstanden, wer die Talk-Shows führt, wer als Korrespondent Arbeit sucht und wer in Call-Zentren arbeitet? Versuchen Sie einen Steinbock in so ein  Call-Center reinzusetzen, wo irgendwelche unbekannten Menschen ständig anrufen, irgend einen Schmarren erzählen, und wo er mit allen höflich umgehen muss und sich aufmerksam und emphatisch ihre Geschichten anhören darf. Der Steinbock begeht Selbstmord am Ende des ersten Arbeitstages. Versuchen Sie einen Stier zu zwingen, mit einem Mikrophon oder einer Kamera hinter der Limousine zu rennen, um deren Besitzer zu interviewen. Er bewegt sich nicht vom Fleck. Unter uns gesagt, der Stier - ist eher derjenige, der IN der Limousine sitzt. Zwillinge sind Menschen, die Vorlesungen halten, sich in wissenschaftlichen Forschungen eingraben, oder zumindest Stadt- bzw. Museumsführungen machen. Sie leben in den Flüssen der Information, so wie Forelle im schnellen Wasser leben.
    Wenn Sie einen geliebten Zwilling haben, dann seien Sie ihm nicht bös, wenn er in der Früh, bevor er zu seiner Arbeit rennt, Ihnen am Frühstückstisch so eine Notiz hinterlässt:
    „Leiebr Hsächen! Hab dir Fürhsütck gmecaht. Vreigss nciht den Kffaee wram zu mhcaen, da er shicer klat wrid bis du afutshest. Ich leibe dcih! Bis am Aebnd!“
    Machen Sie sich keine Sorgen! Er hat sich nur all zu sehr beeilt! Doch das Frühstück hat er sicher genau so zubereitet, wie Sie es am liebsten haben. Und ausserdem hat er wahrscheinlich auch noch die Katze gefüttert, die Blumen gegossen und ihre Schuhe geputzt. Also lieben Sie und schätzen Sie Ihren Zwilling über Alles und lassen Sie ihn nicht allzu lange allein. Besonders wenn es dort, wo Sie ihn alleine lassen, keine Bücher, keine Handys und kein Fernseher gibt. Er wird sich ganz schlecht und sehr einsam fühlen. Merken Sie sich das!


Hatten Sie nicht zufällig vor, Ihre Buchhaltung zu machen, oder ein wichtiges Buch zu lesen, oder anzufangen Spanisch zu lernen? Juni - ist eine hervorragende Zeit, um endlich durchzustarten! Dann könnte es nämlich passieren, dass zum Monatsende in Ihrem Kopf ein paar ganz neue brillante Ideen entstehen könnten, bezüglich dessen, was zu tun und wie das Leben weiter zu leben wäre. Ich wünsche Ihnen, dass alles, was Sie im Juni erfahren, Sie noch ein Stück näher zu Ihrem Glück bringt!

                                                                                                                                                                  © Julia Vitoslavsky

Bild von Jeremias Altmann